Was versteht man unter dem Van-Riper-Programm?

Charles Van Riper kann als einer der Väter der amerikanischen wissenschaftlich begründeten Stottertherapie gelten. In seinem Buch Die Behandlung des Stotterns, das 1973 erschienen und seit 1986 auch in deutscher Sprache erhältlich ist, hat er als Ergebnis einer über 40jährigen Arbeit mit vorwiegend erwachsenen Stotterern ein vierstufiges Programm beschrieben, das mittlerweile in den USA als »traditionelle« Stottertherapie gilt.
Dieses Programm basiert auf dem Grundgedanken, dass es nicht darum geht, dem Stotterer beizubringen, wie er normal sprechen kann, da er diese Fertigkeit bereits besitzt - das zeigt sich, wenn er unter für ihn besonders günstigen Bedingungen spricht, z.B. wenn er allein ist -, sondern dass es darum geht, dem Stotterer Fertigkeiten zu vermitteln, die es ihm erlauben, unter allen denkbaren Umständen in einer annehmbaren Weise mit den Unterbrechungen in seinem Sprechfluss umzugehen. Deswegen steht im Vordergrund diese Therapie nicht das Training in einer neuen Art zu sprechen, durch die die Häufigkeit des Stotterns auf Null gebracht werden kann, sondern ein Training für den Erwerb von besseren Möglichkeiten auf die Erwartung oder das tatsächliche Eintreten eines Kontrollverlustes beim Sprechen (Stottern) zu reagieren. Die Verringerung der Häufigkeit des Stotterns ist bei diesem Ansatz ein Nebenergebnis - natürlich ein hochwillkommenes! Was aber vordringlich bearbeitet wird, ist die Schwere des einzelnen Stotterereignisses.
Auch geht diese Therapie nicht davon aus, dass das Stottern verschwinden wird, wenn man nur fortschritte macht, mit sich und der Welt besser zurechtzukommen (d.h. im weitesten Sinne glücklicher wird). Es ist keine schwierige Aufgabe, als Stotterer fließend zu sprechen, wenn man sich wohlfühlt. (Manche Stotterer werden auch dies bestreiten, aber es ist schließlich die Grundlage aller sog. »Schönwetter-Therapien«.) Auch die beste Psychotherapie kann jedoch nicht erreichen, dass man ständig glücklich ist, so da dieses eine sehr unsichere Grundlage für die Möglichkeit ist, sich unter allen Bedingungen angemessen mitteilen zu können. Damit soll nicht gesagt werden, dass allgemeine Lebenshilfen in der Therapie keine Rolle spielen sollen und können; sicher kann ein langjähriger Stotterer davon profitieren, dass er seine Einstellungen und Problemlösungsmuster überprüft und ggf. ändert. Dennoch geht diese Therapie davon aus, dass die meisten Stotterer nicht aufgrund von psychischen Störungen stottern, sondern umgekehrt sie vielfach solche Störungen als Ergebnis des Stotterns entwickelt haben.

Was bedeutet Nichtvermeidungs-Therapie?

Die Nichtvermeidungs-Therapie (non-avoidance therapy) wird leider insofern vielfach missverstanden, als angenommen wird, das Stottern werde allein dadurch verschwinden, dass man ihm nicht mehr aus dem Weg geht, ja sogar absichtlich stottert. Obwohl beides im Verlaufe einer Therapie zur Erreichung bestimmter Ziele außerordentlich hilfreiche Mittel sind, ist ein durchgreifender Therapieerfolg hierdurch allen jedoch selten zu erreichen.

Das Wort »Nichtvermeidung« hat in der Van-Riper-Therapie vor allem deswegen einen Sinn, weil ja, wenn das einzelne Stotterereignis bearbeitet werden soll, das Auftreten von Stottern in der Therapie tatsächlich gebraucht wird. Die Therapie wird nicht dann schwierig, wenn der Patient oft und stark stottern, sondern vor allem dann, wenn er nicht stottert. Dieses ist für viele Patienten eine neuartige und entlastende Sichtweise, die eine wirksame Arbeit erst ermöglicht.

Welches sind die vier Stufen der Therapie?

Van Riper sagt in seinem Buch Die Behandlung des Stotterns (S.5) dazu folgendes:

1;
In der Phase Identifikation untersucht, analysiert und klassifiziert der Stotterer die beobachteten Verhaltensweisen und verdeckten Erfahrungen, die für seine spezielle Art des Stotterns charakteristisch sind.

2; Die Phase Desensibilisierung zielt darauf, seine Sprechängste und die anderen negativen Emotionen, die mit seiner Störung verbunden sind, zu vermindern. In dieser Phase versuchen wir, den Stotterer widerstandsfähiger zu machen gegenüber der Bedrohung, der Konfrontation und der Erfahrung des Versagens beim flüssigen Sprechen.

3; Die Phase Modifikation beinhaltet zunächst das Verändern und dann das Verlernen seiner gewohnheitsmäßigen Vermeidungs- und Anstrengungsreaktionen und dann das Erlernen einer neuen flüssigen und weniger abnormen Art des Stotterns durch Gegenkonditionierung.

4; In der Phase der Stabilisierung helfen wir dem Stotterer, seine Fortschritte zu festigen, generalisierte Einstellungen zu bilden, die sein neues flüssiges Stottern automatisieren, und eine propriozeptive Überwachung seines normalen Sprechens zu entwickeln.

Es würde hier zu weit führen, im Einzelnen darzustellen, welche Art von Übungen und Verfahren in den einzelnen Stufen zur Anwendung kommen. Dazu wird der Leser auf Van Ripers Buch selbst verwiesen. Hier soll nur soviel gesagt werden, dass der Patient von Beginn an genau verstehen sollte, was der Sinn und Zweck des ganzen Therapieprogramms, jeder einzelnen Stufe und jeder Aktivität innerhalb der Stufe sein soll. Die erforderlichen Erklärungen werden durch die Therapeuten gegeben und in der Gruppe besprochen. Außerdem wird der Patient von Anfang an sehr stark in die Planung seiner eigenen Therapie einbezogen.

Ist das Ganze nicht doch sehr kompliziert?

»Stuttering is a tought nut to crack« (Stottern ist eine harte Nuss), sagte Van Riper einmal, und jeder Stotterer - besonders dann, wenn er schon zahlreiche erfolglose Therapieversuche hinter sich hat, die vielleicht kurzfristige Wirkungen gehabt haben - kann ein Lied davon singen.

Obwohl einige Fachleute dies verneinen, spricht doch einiges dafür, dass das Stottern besonders beim Erwachsenen eine komplizierte Störung ist, die nicht durch einen leicht erlernbaren Trick überwunden werden kann. Aber das Stottern braucht auch nicht das Mysterium zu bleiben, das es für viele Betroffene leider ist. Die Lösungen liegen für den Laien manchmal nicht gerade auf der Hand; die Therapie wird dazu beitragen, dass der Patient zum Fachmann wird, zumindest zum Fachmann bezüglich seines eigenen Falles.

Was bringt der Aufwand?

Ein weiteres Missverständnis zur Van-Riper-Therapie, das sich nur schwer ausrotten lassen wird, äußert sich in der Vermutung, dass durch diese Therapie eine sonst mögliche Heilung verhindert wird. Das ist der reine Unsinn. Das »flüssige Stottern«, das in der Therapie eine Rolle spielt, soll gerade nicht die Störung zementieren, sondern wird ganz gezielt dahingehend angebahnt, dass ein bruchloser und natürlicher Übergang zum normalen Sprechen ermöglicht und begünstigt wird. Anstelle des alten Stotterns lernt der Patient eine Art von Zeitlupensprechen zu setzen, und zwar nur, was das jeweils gestotterte Wort betrifft. Das ist es, was im ungünstigsten Falle bleibt, wenn der Patient es erst einmal beherrscht. Dieses ist ein vollkommen natürlicher Weg, um zu normalem Sprechen zu kommen - möglicherweise nicht der einzige, aber ein ziemlich sicherer. Dass dieses Ziel nur selten erreicht wird, liegt daran, dass das Stottern beim Erwachsenen ein lang geübtes Verhalten ist und dass es möglicherweise eine neurologische Grundlage hat. Was aber in sehr vielen Fällen erreicht werden kann, dafür gibt es viele Beispiele, ist eine Sprechweise, die gelegentlich geringfügig auffällig ist - nämlich an den Stellen, wo der Stotterer früher in einer abnormen und oft bizarren Weise auf sein Stottern reagiert hat - , die jedoch weder für den Sprecher noch für seinen Zuhörer belastend ist, und den Betroffenen auch nicht mehr in seinen Lebensmöglichkeiten einschränkt.

Viele Patienten stellen auch fest, dass in ihrem Rehabilitations- bzw. Heilungsprozess irgendwann ein Stand erreicht wird, wo der Aufwand, der erbracht werden muss, um noch weitere Verbesserungen zu erzielen, die zu erwartenden Ergebnisse nicht mehr wert ist. (Die Wirtschaftler bezeichnen das als das Gesetzt vom abnehmenden Grenznutzen.) Je nach Orientierung wird man das als Resignation oder als das Ende eines Problemlösungsprozesses bezeichnen. Wenn diese Entscheidung in vollem Wissen um die Möglichkeiten und Notwendigkeiten gefällt wird, scheint die letztere Bezeichnung die angemessenere zu sein.

Kann also ein erwachsener Stotterer geheilt werden? Die Erfahrung, die mit den verschiedensten Therapieansätzen, so auch mit diesem, gemacht worden sind sprechen dagegen. Verhindert dieser Ansatz eine sonst mögliche Heilung? Es gibt keinen vernünftigen Grund, das anzunehmen. Führt diese Ansatz mit einer großen Sicherheit zu einer echten Problemlösung? Sowohl vom Konzept her als auch nach den vorliegenden Erfahrungen scheint alles dafür zu sprechen. Gibt es Patienten, die mit diesem Ansatz nicht zurecht kommen? Ja, natürlich, es wäre reine Anmaßung, etwas anderes zu behaupten.

Für wen ist die Therapie besonders geeignet?

Grundsätzlich würden wir natürlich gerne sagen, für jeden, der stottert. Tatsächlich braucht man nicht davon auszugehen, dass es einen großen Unterschied, macht, ob ein Teilnehmer bereits sehr »Therapie-erfahren« ist oder ob es seine erste Therapie als Jugendlicher oder Erwachsener überhaupt ist. Es macht auch keinen großen Unterschied, ob jemand schwer oder nur leicht stottert.

Man muss jedoch bedenken, dass ein Patient, der außer dem Stottern zum Zeitpunkt des Therapiebeginns noch weitere sehr schwerwiegende Lebensprobleme hat , für diese in der Therapie möglicherweise keine Lösung finden wird. (Damit sind nicht solche Probleme gemeint, die als Folge des Stotterns angesehen werden können - siehe oben.)

Ohne Zweifel ist diese Therapie besonders für Stotterer geeignet, die fest entschlossen sind, sich nicht noch einige weitere Jahre von ihrer Behinderung tyrannisieren zu lassen, die es satt haben, so zu stottern, wie sie es gerade tun, und die bereit sind, einen erheblichen Aufwand an Arbeit zu erbringen, um dieses Problem beherrschen zu lernen.

Was spricht für diese Therapie?

Diese Frage wird verständlicherweise von Leuten gestellt werden, die bereits einige Erfahrungen mit unwirksamen Therapieverfahren haben und misstrauisch geworden sind. Dieses Misstrauen wird von unerfahrenen Therapeuten häufig als Widerstand gegen eine Veränderung gedeutet; oft ist es aber nur zu berechtigt. Dieser Therapieansatz kann keine pauschalen Versprechungen machen.

Kein Therapieansatz darf beim derzeitigen Stand des Wissens von sich behaupten, dass er allein der richtige ist. dieser ansetzt kann jedoch für sich beanspruchen, dass er - vielleicht mehr als andere - auf dem zur Zeit verfügbaren Wissen aufbaut. er ist lerntheoretisch, neurologisch und linguistisch gut begründet und enthält wirksame psychotherapeutische Elemente. Dazu kommt, dass er von einem Mann entwickelt worden ist, der das Problem von »innen« kennt, da er selbst ein schwerer Stotterer gewesen ist. Aber das allein qualifiziert ihn noch nicht. Ein Restrisiko bleibt dem Patienten.

Copyright

Copyright Andreas Starke, E-Mail: info@andreasstarke.de