Historischer Exkurs

Eine historische Einführung im Rahmen dieser WWW-Seiten kann nur exemplarisch erfolgen und beansprucht keine zusammenhängende Geschichtsschreibung. Die folgende Einführung beschränkt sich auf die Quellen des klassischen Altertums und des christlichen Mittelalters. Auf archäologische Funde anderer Kulturen wird nicht eingegangen. Die gewählte Struktur wurde von den Autoren an C.A. HAASE angelehnt, dessen Übersicht für eine klare Strukturierung als sinnvoll erachtet wird.

Sprachheilkundliche Zeugnisse bis 1584

Bis zur Antike können Bemühungen zurückverfolgt werden, Stottern zu therapieren bzw. Stottern verstehen zu lernen. So werden immer wieder DEMOSTHENES, HIPPOKRATES und ARISTOTELES genannt. Ihre Ausführungen sind jedoch nicht sehr aufschlußreich. Erst die stimmbildnerischen Maßnahmen des Altertums werden ausführlicher geschildert, was mit der damaligen politischen Bedeutung der Rhetorik begründet werden kann. Die Überlieferung über den Abt NOTKER BALBULUS (840-912) aus Sankt Gallen kann als mittelalterliches Zeugnis einer Sprachstörung betrachtet werden.

Sprachheilkundliche Zeugnisse von 1584 bis 1830

Der Beginn der zweiten Periode wird charakterisiert durch das Erscheinen des Werkes von HIERONYMUS MERKURIALIS aus Bologna. Es enthält gesonderte Kapitel über Sprechanomalien - u.a. zum Stottern - und kann als erste wissenschaftliche Arbeit über Sprachstörungen betrachtet werden. Zur Behandlung des Stotterns werden vielfältige Vorschläge aufgeführt. Neben Ratschlägen, die zur Austrocknung des Körpers führen sollen, wird auch schon ein didaktisches Verfahren skizziert, bei dem die allgemeine Kräftigung des Körpers sowie Übungen zur Stimme und zur Aussprache im Vordergrund stehen. Erst etwa einhundert Jahre später erscheint die Schrift von VAN HELMONT , die u.a. die Beschreibung der Symptomatik eines „Stammelnden" enthält. Weitere Arbeiten von AMMAN und KEMPELEN folgen. Aufsehen wegen ihrer Erfolge erregte die Behandlungsmethode nach LEIGH, die als „geheime Methode" über Umwege schließlich auch in Deutschland durch BANSMANN praktiziert worden ist, dem die Rechte an der Methode von der preußischen Verwaltung übertragen wurden. Die Erfolge dieser Methode, die im wesentlichen aus Zungengymnastik sowie Artikulations- und Leseübungen bestand, waren sehr umstritten. Die ursprüngliche Methode von LEIGH ist von BANSMANN dahingehend modifiziert worden, daß er besonderen Wert auf das Sprechen mit verstärkter Expiration legte. Dies sollte die Aufmerksamkeit des Stotternden von seinem Sprachfehler ablenken und auf das Atmen konzentrieren. Ein freies und ungehindertes Herauslassen der Luft auf „hm" oder „ha" unter Beachtung einer „sanften" Stimmgebung wurde angestrebt und geübt. Weitere Hilfsmittel waren im wesentlichen die Kontrolle der Atemführung durch Auflegen der Hände auf den Leib, Verlagerung des Sprechtones in eine tiefere Stimmlage und eine Selbstbeobachtung des Sprechenden vor dem Spiegel. Bis heute ist der Entstehungsursprung dieser Methode noch nicht eindeutig geklärt. Das Verfahren war Ende der zwanziger Jahre des 19.Jahrhunderts fast über ganz Europa verbreitet und das, obwohl die Schwerpunkte der Methode LEIGH für die direkte Beeinflussung des Stotterns absolut wertlos und für die Lautbildung zumeist falsch waren. Wenn dennoch Erfolge erzielt werden konnten, dann nur deshalb, weil allen Zungen- und Sprechübungen ein Ablenkungsmoment zugrunde liegt.

Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts sind auch in Deutschland Taubstummenanstalten eröffnet worden, deren erste HEINECKE 1778 in Leipzig gegründet hat. Diesem Institut folgten weitere derartige Anstalten, so daß es „bis 1830 schon 48 Taubstummenanstalten mit 820 Schülern im deutschsprachigen Raum gab". Daß sich gerade Taubstummenpädagogen mit den verschiedenen Störungen der Sprache, insbesondere des Stotterns befaßt haben, ist nicht weiter verwunderlich: „Ihre Tätigkeit regt permanent und in grundsätzlicher Weise zu Reflexionen über das Wesen der Sprache an. Ihre Arbeit der Anbildung und des Aufbaus von Sprache beim tauben Menschen setzt Einsichten in phonetisch-physiologische Strukturen der Sprache voraus, die sie nach dem Stand damaliger Kenntnisse auch für Störungen wie Stammeln und Stottern qualifizierte".

Die Zeit ab 1830

Wiederum wird der Beginn einer neuen Periode von einem bedeutenden Werk innerhalb der sprachheilkundlichen Literatur eingeführt. 1830 erscheint die Schrift des Züricher Arztes SCHULTHESS „Das Stottern und das Stammeln". Sie zeichnet sich besonders durch die eine von SCHULTHESS vorgenommene erstmalige Unterscheidung des Stammelns vom Stottern aus. Er liefert eine kritische Auseinandersetzung mit vorherigen Veröffentlichungen zum Stottern. Er vertritt dabei eine offensichtlich neue Ansicht, nämlich, „daß es keineswegs die Konsonanten seien, deren schwierige Artikulation das Stottern bewirke, sondern die Stimme selbst, die Stimmlaute, die Vokale". Der Arzt und Physiker ARNOTT benennt die Ursache des Stotterns zwar etwas anders als SCHULTHESS, aber nicht gegensätzlich, wenn er es auf eine krampfhafte Hemmung in der Stimmritze zurückführt und weiter ausführt: „Der Stotterer wird augenblicklich geheilt, sobald er sorgfältig darauf achtet und sie offen erhält".

Bis heute weitgehend unbeobachtet geblieben ist das Werk des Taubstummenlehrers OTTO. So schrieb HANSEN 1929: „Das Büchlein OTTOS und die Kunde von den damaligen Bestrebungen sind offenbar für lange Zeit in Vergessenheit geraten. Jedenfalls nennt A. GUTZMANN sie nicht." OTTO war über die einschlägige internationale Literatur seiner Zeit weitgehend informiert. Sein eigenes Heilverfahren kulminierte in folgenden Regeln: · „Atme, ehe du sprichst, kräftig und stark ein und aus. · Vermeide sowohl mit den Respirations-, als auch mit den Sprechorganen jede anstrengende Bewegung beim Sprechen. · Bemerke, wo die Kraft zum Sprechen hergenommen wird, und wo die Stimme entsteht. · Sprich in einem tiefen Tone. · Sprich langsam. · Sprich nur, wenn die Lunge voll Luft ist. · Lenke Deine Aufmerksamkeit von der Artikulation ab und auf die Stimme! · Laß den Ton in Wörtern vorherrschen und fange jedes Wort gleich mit der Stimme an." HERMANN GUTZMANN sen. bemerkte 66 Jahre später dazu: „Wir sehen bereits in den OTTOSCHEN Vorschriften eine Reihe von Punkten, die vollständig mit unserer heutigen Anschauung über das Wesen und die Heilung des Stotterns übereinstimmen."

Der Franzose COLOMBAT verblüfft 1840 durch seine plastische Beschreibung der Stottersymptomatik. Er unterscheidet zwei Arten des Stotterns: Das lippentanzartige Stottern und das kehl-tetanische Stottern. Diese entsprechen in etwa der heute noch üblichen Bezeichnung vom klonischen und tonischen Stottern. Zu jeder dieser beiden Hauptformen hat COLOMBAT verschiedene Unterformen beobachtet. So differenziert er das „kehl-tetanische" Stottern in „tanzförmiges Kehltetanisches", „Hunds-Kehltetanisches" und „epilepsieförmiges Kehltetanisches" Stottern. Zur Behandlung hat COLOMBAT die sog. Taktmethode entwickelt, wofür er eigens das „Muthom", einen speziellen Taktmesser konstruierte.

Unter den Ärzten hat der Chirurg DIEFFENBACH 1842 eine gänzlich andere Methode zur „Heilung" des Stotterns angewandt: „Er hat einen starken Fleischkeil aus der Zunge herausgeschnitten und den Rest der Zungenmuskulatur dann vernäht, um durch diese vorangehende Unterbrechung der Muskelinnervation eine Heilung des Stotterns zu erzielen" Dieses bestechend schnelle, aber um so schmerzhaftere und blutige Verfahren erschien zunächst erfolgreich, da die Patienten wegen ihrer Schmerzen nur sehr langsam sprechen konnten, was ähnlich dem prolongierten Sprechen zu einem Rückgang der Stottersymptomatik führt. Zahlreiche Stotternde unterzogen sich einer solchen Operation, ohne daß ihr Leiden letztlich behoben wurde. Als DIEFFENBACH selbst seinen Irrtum einsah, hatten schon weitere Chirurgen seine Operationsmethode übernommen und verbreitet. Erst die leidvolle Erfahrung der Betroffenen, daß der chirurgische Eingriff keine Hilfe brachte, führte schließlich zum Ende derartiger Behandlungen.
Im Jahre 1846 erschien eine auch heute noch interessante Arbeit, in der HAASE eine Auseinandersetzung über alle bis zu seiner Zeit maßgeblichen Ansichten zum Stottern liefert. Unter den von ihm besprochenen Methoden hebt er die didaktischen Maßnahmen als die einzig wirksamen hervor. Dennoch möchte er keiner Methode den absoluten Vorrang geben, „da in manchen Fällen, wo die eine sich unwirksam zeigt, eine andere den gewünschten Zweck erreichen kann". HAASE stellt in einer Übersicht die verschiedenen Bereiche der bis 1846 praktizierten didaktischen Behandlungsmethoden dar: · „Sprechübungen mit belasteten Sprechorganen, · Sprechübungen mit Zungen- und Lippengymnastik, · Sprechübungen mit offener Stimmritze, · Sprechübungen mit taktmäßigem Atem, · Sprechübungen mit verstärkter Expiration, · Sprechübungen mit geschwächter Expiration und · Sprechübungen mit betätigter Psyche" Schon aus diesen wenigen Beispielen lassen sich Elemente späterer - zum Teil bis heute angewandter - Übungstechniken zur Überwindung des Stotterns erkennen, so. z.B. das rhythmische und das gebundene Sprechen.

Zusammenfassung

An den Ausführungen wird deutlich, daß das Phänomen Stottern im Laufe der Jahrhunderte von zahlreichen Personen erforscht wurde. Es zeigt sich jedoch, daß diese Forschungen weder systematisch durchgeführt, noch im Zeitablauf einer eindeutigen Entwicklung unterlagen. Kennzeichnend für alle theoretischen und praktischen Überlegungen und Methoden ist vielmehr deren individuelle Unabhängigkeit. Keiner der historischen Autoren und Therapeuten bezieht sich in seinen Überlegungen auf schon vorhandenes Wissen; jeder arbeitet mit seinem eigenen Konzept isoliert von allen anderen. Das Resultat dieser isolierten und individuell geprägten Forschertätigkeit ist der mangelnde Erfolg aller bis dahin entwickelten therapeutischen Konzepte. Gerade in der Folge solchen Verhaltens seitens der Forscher entstehen aber eine Vielzahl unterschiedlichster Theorien und Therapien. Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts existiert so ein umfangreiches, jedoch noch weitgehend unsystematisches Wissen. Erst zu diesem Zeitpunkt beginnt nun die Reflexion der vorhandenen Erkenntnisse, um so neue Ansätze für Therapien systematisch zu entwickeln.