Einführung

Bereits in den Anfängen der Stottertherapien wurdeversucht, eine solche Therapie zu entwickeln, die universell anwendbar ist. Dieshat sich bis heute kaum geändert, jedoch muß dieser Versuch bislangals gescheitert betrachtet werden, da sich nicht ein einziges diesermonokausalen Konzepte als pauschal einsetzbar erwiesen hat. Es kann deshalb auchkeine allgemeingültige Empfehlung nur eines Verfahrens gegeben werden.
Auffälligist vor allem die Vielfalt der existierenden Verfahren. In Schätzungenwerden bis zu 250 verschiedene Methoden angegeben. Dabei ist eine ähnliche Ausrichtung vieler Therapiemethoden jedoch nicht berücksichtigt worden. Solassen sich diese auf wenige Basisverfahren reduzieren. In der therapeutischenPraxis kommen jedoch nicht alle Basismethoden zur Anwendung, da in derTherapiepraxis aus Gründen der "multifaktoriellen Bedingungsstruktur"des Stotterns inzwischen mit mehrdimensionalen Behandlungsprogrammen gearbeitetwird. Dabei werden folgende Strategien eingesetzt:

- Atemübungen,
- Sprechtechniken,
- sprechrhythmische Übungen,
- "Non-avoidence-Ansätze" unterschiedlicher Art, sowie
- Entspannungstechniken verschiedenster Gattungen.

Leider ist diese Vielfalt von Behandlungsmethoden mit einerOrientierungslosigkeit für Therapeuten, aber auch für Betroffeneverbunden. Ebenso sind Informationen über Therapieangebote nur schwer zuerhalten. Bedauernswerterweise sind gerade solche Bereiche, in denen MenschenHilfen angeboten werden, nicht frei von jeglicher Scharlatanerie, bei der fastimmer durch "neuartige" Methoden eine absolute Heilung versprochenwird.

Vielfach ist die Wahl einer Therapieart oder einer bestimmten Institution fürBetroffene vom Zufall abhängig. Persönliche und damit individuelleTherapieerfolge aus dem sozialen Umfeld Betroffener beeinflussen oft deren Therapieauswahl. Werden die angewandten Stottertherapien näher beleuchtet,so sind lediglich zwei therapeutische Richtungen zu erkennen, die jedoch seltenin reiner Form angewendet werden:

- Symptomorientierte Methoden und
- "Non-avoidence-Ansätze"

Bei der symptomorientierten Behandlung wird als Ziel flüssiges bzw. flüssigeres,wenn nicht sogar symptomfreies Sprechen angestrebt. Die "Non-avoidence-Ansätze"streben eine Verbesserung der Situation des Stotternden an, indem dieser seine Störung akzeptiert.

Therapieziele

Es ist bekannt, daß es mit Hilfe verschiedenerSprechtechniken - die meistens auf Ablenkung oder Verlangsamung des Sprechenszielen - möglich ist, kurzfristig ein flüssiges oder zumindestwesentlich flüssigeres Sprechen mit stotternden Patienten zu üben.Dieser kurzfristig erzielte Erfolg läßt sich jedoch nicht längerfristigsichern, weil nach kürzester Zeit der Effekt der Ablenkung seine Wirkungverliert. Aber allein die Tatsache, daß diese Methoden auch heute noch häufigin der Therapie verwendet werden, zeigt deutlich, daß flüssiges bzw.flüssigeres Sprechen zweifellos das bedeutendste Therapieziel ist, welchesbesonders von den Betroffenen immer wieder angestrebt wird.

Therapieresultate

Bis vor einigen Jahren wurden allgemeine Richtwerte fürdie Ergebnisse der Behandlung Stotternder angenommen, die auf eine Schätzungvon NADOLECZNY aus dem Jahre 1926 zurückgehen: Hier wird davon ausgegangen,daß ein Drittel der Patienten als gebessert, ein Drittel mitgleichbleibender Problematik und ein Drittel mit verschlechterter Symptomatikaus einer Therapie entlassen wird. Mittlerweile werden jedoch günstigerere Prognosen vorausgesagt.

Es ist auffällig, daß kaum ein Therapieverfahren, welches in denvergangenen Jahrzehnten im deutschsprachigen Raum vorgestellt wurde, auf seineklinische Brauchbarkeit hin überprüft wurde, obwohl schon seit einigerZeit Bestrebungen zur Qualitätsüberprüfung bestehen. Zu diesenBestrebungen zählt der Versuch, ein "Stottertherapie-Effektivitäts-Meßinstrument" (SEM) zu entwickeln.

Therapiekomponenten

Es sind im anglo-amerikanischen Raum in den letzten Jahreneinige Studien erschienen, die wichtige Erkenntnisse der Therapieforschunggeliefert haben, deren Ergebnisse jedoch nicht in jeder Hinsicht in unserendeutschsprachigen Raum übertragen werden können, da sie einem anderenSprachraum mit anderer Phonetik und Prosodie entstammen.

In der Analyse von 42 Forschungsarbeiten durch ANDREWS, GUITAR & HOWIEwurden die Therapieergebnisse von 756 Stotternden vorgestellt, die nach Meinung der Autoren wedervon Phonetik noch Prosodie eines anderen Sprachraums abhängig und deshalb fürden deutschsprachigen Raum relevant sind. Aus den gewonnenen Erkenntnissen deroben genannten Analyse wurden einige Richtlinien für Therapieansätzeerarbeitet:

- Beim Langzeit- als auch beim Kurzzeiteffekt der Wirkungsweise einerTherapie haben sich prolongiertes Sprechen und Anlauttechniken bewährt.
- Es muß ein therapeutischer Zeitbedarf von mindestens 100 Stundenangesetzt werden, um überhaupt einen langfristigen Erfolg erreichen zu können.
-Der Patient muß zur Selbstkontrolle befähigt werden, indem dieTherapie systematisch und damit für den Patienten transparent wird. Es läßtsich dann ein Behandlungserfolg auf lange Sicht erhalten.
- Die Therapieinhalte müssen auf alltägliche Lebenssituationen des Patienten übertragen werden.
- Die Möglichkeit von Nachsorgemaßnahmen sollte gegeben sein.

Im deutschsprachigen Raum existiert bisher keine ähnlichgeartete Untersuchung, die brauchbare Ergebnisse liefert. Es wurden jedocheinige Regeln entworfen, die für die Therapie relevant sein könnten. So schlägt z.B. WENDLANDT folgende Strategien vor, die zur positiven Veränderungdes Stotterns beitragen können:

- Verbesserung der Selbstwahrnehmung
- Reduktion des Sprechtempos
- Ausführung von deutlichen Artikulationsbewegungen
- Gliederung des Sprechablaufs
- Tönender Stimmeinsatz
- Regulation des Atemablaufes
- Verbesserung der Körperentspannung
- Steigerung der Expressivität
- Abbau der Stotterangst
- Abbau der Sprechangst
- Veränderung des Selbstkonzeptes
- Überwindung von Vermeidungshaltungen
- Hohe Veränderungsmotivation und Arbeitsintensität
- Entdeckung eines persönlichen Weges innerhalb der Therapie
- Umgang mit Mißerfolgen und Rückfällen

KATZ-BERNSTEIN erachtet folgende Komponenten als wichtig für eineTherapie mit Kindern, die nach Meinung der Autoren auch auf die Therapie mit Jugendlichen und Erwachsenen übertragbar sind und dort eingesetzt werden sollten:

- Natürliche Atem- und Stimmführung herbeiführen, einüben und verstärken
- Stimmkapazität und -ausdruck bereichern, entwickeln oder steuernlernen
- Die Sprache als schöpferischen Prozeß erfahren
- Entdecken von ursprünglichen Sprechfunktionen
- Schulung der Wortfindung und Worterfindung
- Die Sprache als kommunikatives Element erlernen
- Positive Sprecherlebnisse erleben
- Schwierige Sprechsituationen meistern lernen

Unter Beachtung der genannten Richtlinien und Komponenten kann eine Therapienach diesen Ergebnissen der Therapieforschung erfolgreich sein.

Überprüfung vonTherapieresultaten

Seit Jahren wird diskutiert, was Erfolg und was Mißerfolginnerhalb von Stottertherapien bedeutet. Um diese Frage beantworten zu können,ist es nötig, gewisse Erfolgskriterien zu definieren. Diese sind jedoch vonden Zielvorstellungen der Betroffenen und der Therapeuten abhängig.

Renner (1995) hat zwei Ziele als Basis einer Therapie angenommen:

- Vermehrung von Sprechflüssigkeit
- Förderung der kommunikativen Kompetenz

Diese Komponenten sind mit Hilfe verschiedenener Methodensowohl kurzfristig als auch langfristig meßbar, indem Sprechdaten(Stotterrate und Sprechgeschwindigkeit) und Persönlichkeitsdaten (Selbsteinschätzung und Kommunikationseinstellung) überprüftwerden. Durch die Ergebnisse ist jede Therapie zu evaluieren und die Ergebnissekönne dazu beitragen, vorhandene Therapien zu optimieren.