Sie sind hier: Was ist Sprechen?

Allgemeine Grundlagen zum Sprechen

Folgende Organe sind am Sprechvorgang beteiligt: Die Lunge, die Stimmlippen (Stimmbänder), der gesamte Mund-Nasen- und Rachenraum, Gaumen, Velum (Gaumensegel), Lippen, Zähne, Zunge, Unterkiefer, die Ohren, die Augen und das Gehirn.

Fast alle beteiligten Organe besitzen zusätzliche Funktionen, die sich im Laufe der Entwicklung des Menschen verändern können. Wichtig ist, das der Larynx (Kehlkopf) grundsätzlich beim Menschen etwas tiefer liegt als bei anderen Säugetieren. Erst durch den so entstandenen Raum wird eine Manipulation der Töne - und damit Sprache - erst möglich. Während der ersten zwei Lebensjahre liegt der Larynx jedoch noch höher. Dadurch wird es den Kindern ermöglicht, gleichzeitig zu schlucken und zu atmen. Erst das spätere Absinken ermöglicht die Produktion von Sprache.

Gleichzeitig lernen Kinder eine neue Atemtechnik: Die gleichmäßige und entspannte Zwerchfellatmung wird ergänzt durch die Brustatmung, aus der sich dann die sogenannte Sprechatmung entwickelt. Die Sprechatmung ist charakterisiert durch ein größeres Volumen an verwendeter Luft, welches schnell ein- und langsam wieder ausgeatmet wird.

Diese Atmung ist Grundvoraussetzung zum Sprechen, denn Sprechen beginnt immer mit der Einatmung. Die Lunge füllt sich mit Luft - mehr Luft, als wenn nicht gesprochen werden soll. Der obere Teil der Brust und das Zwerchfell dehnen sich aus, um die benötigte Luft aufnehmen zu können. Der Lungendruck und die Muskelspannung im Oberkörper erhöht sich. Dann kann die Luft durch den Hals - durch die Stimmlippen (Stimmbänder)entweichen. Die Stimmlippen bestehen aus einem Paar schmaler Muskelbänder und befinden sich im Larynx (Kehlkopf). Bei leichter Spannung dieser Muskeln und gleichzeitigem Ausströmen von Luft, fangen diese Muskelbänder an zu vibrieren. Das ist die sogenannte Phonation.

Die Phonation kann leicht überprüft werden, wenn Finger oder die Handfläche vor den Hals gelegt werden: Es wird die leichte Vibration der Stimmlippen fühlbar. Diese Vibration erfolgt bei Männern etwa 125 Mal in der Sekunde (125 Hz), bei Frauen etwa 250 Mal pro Sekunde (250 Hz). Diese enorme Geschwindigkeit ist zu hoch, um vom menschlichen Hirn direkt gesteuert zu werden. Damit ist die Vibration der Stimmlippen die einzige Muskelaktivität im menschlichen Körper, die nicht direkt kontrolliert wird.

Die Phonation resultiert somit aus der Koordination der Ausatmung und der Anspannung der Stimmlippen. Bei zu hoher Anspannung kommt es zu einer Blockade und es kann keine Luft mehr aus der Lunge entweichen.

Über dem Kehlkopf ist ein Hohlraum, der sog. Pharynx (Rachen). Hier entsteht durch die Vibration der Stimmlippen erst der Klang (Resonanz). Weiter oberhalb ist die Mundhöhle und die Nasenhöhle, wobei der Gaumen die Trennung zwischen Mund- und Nasenraum bildet. Das Velum kann den Mund- vom Nasenraum abschließen, so daß der Luftstrom durch den Mund entweicht. (Lediglich bei den sog. Nasallauten /m/, /n/ und /ng/ entweicht die Luft durch die Nase, bei allen anderen Sprachlauten durch den Mund.)

Die sog. Artikulationsorgane, also der Unterkiefer, die Zunge, die Zähne und die Lippen, modifizieren die Stimme dann zu verständlicher Sprache: Selbstlaute werden von den Stimmlippen erzeugt und von den Artikulationsorganen modifiziert. Einige stimmhafte Konsonannten wie /b/ und /d/ werden auch durch die Stimmlippenschwingungen erzeugt und dann ebenfalls von den Artikulationsorganen modifiziert. Andere Konsonannten wie /p/ und /t/ sind jedoch stimmlos und werden nur durch die Artikulationsorgane (und die Luftströmung) gebildet. Es kommt dabei zu keiner Stimmlippenschwingung oder -spannung. (Auf dem gleichen Prinzip beruht auch das Flüstern: Die Stimmlippen fangen nicht an zu vibrieren, sondern es wird nur das Ausströmen der Luft durch die Artikulationsorgane modifiziert.) Die Stellung der Lippen wichtig für die Bildung einiger Sprachlaute wie z.B. /o/, /u/, /au/, /ü/, /m/, /p/ oder /sch/. Die Zähne bilden die Grenze für die Zunge, da die deutsche Sprache keinen Laut kennt, bei dessen Bildung die Zunge über die Zahnreihen hinausschaut. (Eine korrekte Zahnstellung begünstigt übrigens eine saubere Lautbildung.) Die Zunge muß sehr beweglich und schnell sein, da hohe Anforderungen an sie gestellt werden. Der Unterkiefer hebt und senkt sich während des Sprechaktes ständig. So ist er z.B. bei der Bildung von /a/ und /o/ gesenkt und bei /u/ und /i/ angehoben.

Sehr wichtig bei der Produktion von Sprache sind die Ohren und die Augen. Sie sind unbedingt notwendig, werden aber meist vernachlässigt.
Der Mensch hört seine eigene Sprache auf zwei verschiedene Arten: Zum einen wird die Sprache durch die Luft übertragen und gelangt somit zum Ohr. Zum anderen besteht die sogenannte Knochenschall-Leitung, die innerhalb des Kopfes ins Mittelohr führt. Daduch erreichen die eigenen erzeugten Töne das Ohr zu verschiedenen Zeitpunkten und mit unterschiedlicher Intensität.
Durch die Augen nehmen Kinder die Umwelt wahr und erweitern so permanent ihren Wortschatz. Weiterhin ermöglicht erst das Abschauen der Sprechbewegungen eine korrekte Lautbildung.

Insgesamt werden beim Sprechen über 100 Muskeln und viele Organe benötigt und koordiniert. Bei einem normalen Gespräch werden im Duchschnitt 120 Wörter pro Minute gesprochen, wobei jedes Wort eine andere Koordination und Stellung der beteiligten Muskeln und Organe benötigt. Damit ist der Vorgang des Sprechens eine sehr komplexe neuromuskuläre Tätigkeit, die im Zeitraum von mehreren Jahren erlernt werden kann.