Selektiver Mutismus: Schweigende Kinder verstehen

von Reiner Bahr

Obwohl der Begriff "elektiver Mutismus" in der Schweiz geprägt wurde (von TRAMER 1934), ist die Forschung zu diesem Thema in den deutschsprachigen Ländern eher spärlich. Mein Buch "Schweigende Kinder verstehen" aus dem Jahr 1996 ist nach meiner Kenntnis die erste große Studie der letzten 50 Jahre, die sich ausschließlich mit elektivem (selektivem) Mutismus befaßt. Sie nimmt Bezug auf über 200 Zeitschriftenaufsätze und Bücher, die in Englisch, Deutsch und Französisch veröffentlicht wurden.
Meine Position zu dieser Kommunikationsstörung lautet folgendermaßen:
Selektiver Mutismus ist eine sinnvolle Bewältigungsstrategie für Kinder und Jugendliche. Es ist eine Form des kommunikativen Disengagements. Menschen mit selektivem Mutismus leiden unter einer geringen Selbstwirksamkeitserwartung bezüglich ihrer kommunikativen Fähigkeiten. Selektiver Mutismus beginnt meistens im frühen Kindesalter. Einige der Kinder werden mit Risikofaktoren geboren, es gibt Anzeichen einer erhöhten Verletzbarkeit (Vulnerabilität) in Verbindung mit geringer Widerstandskraft (Resilienz). Ich habe festgestellt, daß Trennungserfahrungen ein Hauptstreßfaktor zu sein scheinen. Die Mutter-Kind-Bindung ist normalerweise sehr eng, kann aber zugleich unsicher sein. In einigen Fällen fand ich abweichende Formen der frühen sensorischen Adaptation (motorische und/oder perzeptive Störungen).
Wenn selektiver Mutismus eine manifeste Störung geworden ist, hängt deren Aufrechterhaltung mit der Unfähigkeit der Umgebung zusammen, mit diesen Kindern und Jugendlichen Kontakt aufzunehmen. Lehrer beispielsweise bauen inkonsequente Verstärkungsmuster auf, so daß der selektive Mutismus zu einer Form der "gelernten Hilflosigkeit" (SELIGMAN) wird, ständig begleitet von sozialer Angst.
Als Sprachheilpädagoge versuche ich in der Behandlung eine systemische Perspektive einzunehmen, um die Kinder und Jugendlichen in ihrem Lebenskontext zu verstehen. Die sprachheilpädagogische Therapie des selektiven Mutismus besteht aus angstreduzierendem Spiel mit dem Kind, einschließlich des Versuchs, ein kommunikatives Netzwerk aufzubauen. Diese Arbeit wird begleitet von permanenter Beratung der Eltern, Geschwister, Lehrer und anderer relevanter Personen. Ich nenne diesen Ansatz eine "interaktionale Perspektive"; es ist eine multimodale Behandlungsform.
Sie finden viele Fallbeispiele in meinem Buch:
Reiner Bahr (1998): Schweigende Kinder verstehen. Kommunikation und Bewältigung beim elektiven Mutismus. 2. Aufl. Heidelberg: Edition Schindele, ISBN: 3-8253-8249-4, 253 S., DM 52.00
Wenn Sie an einem Zeitschriftenartikel interessiert sind:
Reiner Bahr (1998): (S)Elektiver Mutismus: Eine systemische Perspektive für Therapie und Beratung. Die Sprachheilarbeit 43, 28-36
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