Boris Hartmann: Psychophysiologische Definitionen

Weshalb spricht ein Mensch nicht, obwohl er sprechen kann? Welche Inhibitionsmechanismen greifen beim partiellen oder
totalen Mutismus ineinander, so daß das Kind, der Jugendliche oder Erwachsene seinen angeborenen Trieb, sich
verbalsprachlich mit seiner Umwelt auseinandersetzen, mit ihr in Kontakt treten, sich selbst mitzuteilen zu wollen, nicht mehr
anwenden kann, ihn nur noch in gedämpfter Form oder z.T. auch gar nicht mehr verspürt bzw. durch non-verbale
Ersatzstrategien kompensiert?
Die Beschäftigung mit diesen Fragestellungen läßt schnell deutlich werden, daß der elektive bzw. totale Mutismus im Kindes-,
Jugend- oder Erwachsenenalter im Schnittpunkt medizinisch-psychiatrischer, psychologischer und sprachheilpädagogischer
Sichtweisen und Erklärungsansätze liegt und damit in den meisten Fällen einer interdisziplinären Fokussierung und Betreuung
bedarf. Die Sprachheilpädagogik erweist sich hier als Bindeglied zwischen den genannten Disziplinen, nicht zuletzt dadurch, daß sich das Schweigen häufig in Kombination mit sprachlichen Auffälligkeiten oder Bilingualismus-Problemfeldern zeigt und über
die kommunikative Kompetenz hinaus der wiederkehrende Wunsch und Antrieb, Sprechen als etwas Wertvolles und als
soziales Instrument zu begreifen, zentrales Anliegen sprachtherapeutischen Bemühens ist.
Untersucht man das Bedingungsgefüge des individuellen Schweigens, so sind bei der Erstellung der jeweiligen Patienten- und
Familienanamnesen drei Befundebenen zu berücksichtigen:
a) die somatologische Konstitution des Betroffenen bzw. der Familienangehörigen,
b) die psychologische Konstitution des Betroffenen bzw. der Familienangehörigen,
c) die sprachliche Konstitution des Betroffenen bzw. der Familienangehörigen.

Nach der Verteilung der möglichen psychophysiologischen ätiologischen Faktoren (s. Abb. unten) ergeben sich folgende
Definitionen der Termini "totaler Mutismus" und "elektiver Mutismus":

TOTALER MUTISMUS

Der totale Mutismus ist eine nach vollzogenem Spracherwerb erfolgende völlige Hemmung der Lautsprache bei erhaltenem
Hör- und Sprechvermögen, d.h. es liegen keine peripher-impressiven oder peripher-expressiven organischen Störungen
vor sowie keine zentralen Schädigungen der am Sprechvorgang beteiligten Sprachzentren und der Innervation. Eine direkte
Ursache ist nicht bekannt. Es kommen hier sowohl psychologische Faktoren (abweichende Problemlösungsmechanismen,
Konditionierungsprozesse und Milieueinflüsse) als auch physiologische Faktoren (Enwicklungsstörungen, psychotische
Grunderkrankungen und familiäre Dispositionen) in Frage, die zumeist in einer gegenseitigen Ergänzung zur Sprechverweigerung führen.

ELEKTIVER MUTISMUS

Der elektive Mutismus ist eine nach vollzogenem Spracherwerb erfolgende Hemmung der Lautsprache gegenüber einem
bestimmten Personenkreis. Die Hör- und Sprechfähigkeit ist erhalten, d.h. es liegen keine peripher-impressiven oder
peripher-expressiven organischen Störungen vor sowie keine zentralen Schädigungen der am Sprechvorgang beteiligten
Sprachzentren und der Innervation. Eine direkte Ursache ist nicht bekannt. Es kommen hier sowohl psychologische
Faktoren (abweichende Problemlösungsmechanismen, Konditionierungsprozesse und Milieueinflüsse) als auch
physiologische Faktoren (Enwicklungsstörungen, psychotische Grunderkrankungen und familiäre Dispositionen) in Frage,
die zumeist in einer gegenseitigen Ergänzung zur Sprechverweigerung führen.
Das verbindende Element zwischen den psychologischen und somatologischen Verursachungsfaktoren im Hinblick auf das
Verständnis des Schweigens und seine Pathogenese ist das Diathese-Stress-Modell, einem aktuellen Paradigma in der
Mutismus-Forschung (s. auch www.netcologne.de/~nc-drhabo).
Der Begriff "elektiver Mutismus" ist bisher in der angloamerikanischen Fachliteratur nicht ersetzt, sondern durch den
Terminus "selektiver Mutismus" ergänzt worden. Die Bezeichnung "elektiver Mutismus" ist fester nosographischer
Bestandteil der ICD-10-Klassifikation (Tenth Revision of the International Classifikation of Diseases, Chapter V: Mental
and Behavioural Disorders - including disorders of psychological development) der WHO (World Health Organization).
Der ICD-10 Code lautet F 94.0: Elektiver Mutismus. Die internationale Klassifikation der WHO ordnet den elektiven
Mutismus unter die Gruppe "Störungen sozialer Funktionen mit Beginn in der Kindheit und Jugend". Damit wird das
Schweigen als soziale Störung beschrieben.
Über eine Geschlechtsspezifität ist sich die Fachliteratur nicht einig. Es lassen sich auf beiden Seiten zahlreiche
Untersuchungen finden, die den Mutismus als primär männliches bzw. primär weibliches Phänomen darstellen oder keine
signifikanten Geschlechtsunterschiede ausmachen können. Nach der ICD-10 tritt der Mutismus "mit ungefähr gleicher
Häufigkeit bei beiden Geschlechtern" auf.
Hinsichtlich der möglichen Verursachungsfaktoren können sieben Ansätze (s. Abb.) genannt werden:

- psychophysiologische Faktoren:
- Diathese-Stress-Modell

- psychologische Faktoren:
- Problemlösungsmechanismen
- Lerntheoretischer Ansatz
- Milieutheoretischer Ansatz
- somatische Faktoren:

- Mutismus und Entwicklungsstörungen
- Mutismus und Psychose
- Mutismus und Disposition.
Bei der Interpretation des ontogenetischen Hintergrundes des partiellen oder totalen Schweigens, ergibt sich die
Kardinalfrage, weshalb gerade eine mutistische Symptomatik entstanden ist, d.h. warum das Kind, der Jugendliche bzw.
Erwachsene entwicklungsbedingt oder als Reaktion auf ein Trauma nicht z.B. ausschließlich eine Stottersymptomatik,
plötzliches Einnässen, Einkoten, (auto-)aggressive Verhaltensstrukturen oder andere Abweichungsmuster zeigt.
Warum reagiert der Betroffene ausgerechnet mit dem Schweigen?
Eine Antwort auf diese Frage ist die bei Mutisten sehr häufig vorzufindene Anhäufung von introvertierten, sozial
zurückgezogenen, kommunikativ gehemmten Personen, die generationsübergreifend auf eine familiäre Disposition für den
Mutismus schließen lassen. Die diesbezüglich gemachten Erfahrungen bei von mir betreuten Familien mit mutistischen Kindern
und Jugendlichen sowie die in diesem Zusammenhang erhobenen Familienanamnesen decken sich mit zahlreichen
internationalen bzw. nationalen Untersuchungen. Die Sprachentwicklung und der mit ihr verbundene Antrieb für
kommunikative Interaktionen zeigt sich als locus minoris resistentiae, der schon bei geringen psychischen Erschütterungen mit
Auffälligkeiten gerade im sozial-kommunikativen Bereich reagiert.
Das bedeutet, daß für den elektiven bzw. totalen Mutismus eine Diathese bei Betroffenen angenommen werden kann, eine
Prädisposition, die der konstitutionelle Hintergrund der Familie liefert.
Abschließend sei darauf hingeweisen, daß in der internationalen Fachliteratur Einigkeit darüber besteht, daß der Mutismus
nicht willentlich bedingt ist, sondern eine für Verhaltensstörungen typische Eigendynamik besitzt. Das bewußte Schweigen
wird einheitlich nicht unter dem Begriff "Mutismus" subsumiert.

Weitere Literatur zu diesem Thema

- Hartmann, B.: Mutismus - Zur Theorie und Kasuistik des totalen und elektiven Mutismus, Grohnfeldt, M. (Hrsg.): Schriften
zur Sprachheilpädagogik, Band 1, 1. Auflage, Volker Spiess Verlag, Berlin 1991
- Hartmann, B.: Zur Pathologie und Therapie des Mutismus, in: Grohnfeldt, M. (Hrsg.): Handbuch der Sprachtherapie, Band
5: Störungen der Redefähigkeit, Volker Spiess Verlag, Berlin 1992
- Hartmann, B.: Mutismus - Zur Theorie und Kasuistik des totalen und elektiven Mutismus, Grohnfeldt, M. (Hrsg.): Schriften
zur Sprachheilpädagogik, Band 1, 4. überarb. Auflage, Volker Spiess Verlag, Berlin 1997
- Hartmann, B.: Anmerkung zur Abhandlung von Udo Schoor: Mutismus - eine Kommunikationsbehinderung der Mädchen?
Die Sprachheilarbeit 42 (1997) 1, 37-38