Aphasie? Was ist das?

Das Wort 'Aphasie' bedeutet soviel wie "Verlust der Sprache". Das beinhaltet, daß eine Aphasie immer nach vollzogenem Spracherwerb auftritt und somit nicht mit Sprachstörungen verwechselt werden darf, die durch angeborene Schädigungen auftreten, z.B. die 'Taubstummheit'. Ursache einer Aphasie ist immer eine Hirnschädigung (durch Schlaganfall, Unfall, Tumore). In den allermeisten Fällen ist beim Auftreten einer Aphasie die linke Gehirnhälfte geschädigt, da hier das Sprachzentrum bei den meisten Menschen liegt. Aphasie ist eine SPRACHstörung und unterscheidet sich damit von SPRECHstörungen, die die gleichen Ursachen haben. Solche Sprechstörungen sind die 'Dysarthrophonie' oder die Sprechapraxie.Hierbei ist der Sprechbewegungsapparat gestört, der Betroffene hat Schwierigkeiten, Wörter und Sätze richtig zu artikulieren. Das Verstehen, Lesen und Schreiben ist nicht gestört. Auch hat der Betroffene keine Schwierigkeiten die richtigen Wörter zu finden.

Anders bei der APHASIE: hier ist der gesamte Bereich der Sprache mehr oder weniger betroffen. Dabei ist die Art der Sprachstörung bei fast jedem Betroffenen anders. Man kann aber im Groben verschiedene Gesetzmäßigkeiten erkennen. Je nachdem wie schwer die Sprachstörung ist und welche Bereiche am schwersten betroffen sind, unterscheiden POECK und Mitarbeiter (1987) folgende aphasische Syndrome:

Globale Aphasie

Die globale Aphasie ist die schwerste Form der Aphasien, da hier alle sprachlichen Bereiche stark gestört sind. Nach POECK (1987) zeigen sich folgende Leitsymptome (die Symptome, an denen sich dieses Störungsbild am deutlichsten festmachen läßt):

Im akuten Stadium machen Menschen mit globaler Aphasie kaum einen Versuch spontan kommunikativen Kontakt zur Umwelt aufzubauen. Die Sprachproduktion und das Sprachverständnis sind stark eingeschränkt.
Falls es überhaupt sprachliche Reaktionen gibt, sind diese durch starke Sprechanstrengung und schlechte Artikulation kaum verständlich. Häufig kommt es auch zu 'Sprachautomatismen', d.h. bestimmte Floskeln (z.B. "eins,eins,eins..." oder "genau so, genau so") werden unabhängig von der Situation immer wieder gebraucht.


Bei vielen Menschen mit globaler Aphasie ist aber die Intonation, also der Sprechklang sehr gut erhalten. Sie ermöglicht es dem Betroffenen, trotz eingeschränkter Fähigkeit sich sprachlich zu äußern, eine kommunikative Absicht beim Gesprächspartner zu verdeutlichen und auszudrücken. So können Inhalte, wie Zustimmung, Ablehnung oder Fragen allein durch die Intonation, z.B. der Redefloskeln ausgedrückt werden.

Ein kurzes Beispiel für ein Gespräch zwischen Patient und Sprachtherapeut (aus LUTZ 1992 S. 41):

"Herr G. war gebeten worden, ein Bild zu beschreiben, das einen Vater und mehrere Kinder im Wohnzimmer zeigte:
Herr G.: ...is Frau und Kinder...
Therapeut: Eine Frau? Eine Frau seh ich gar nicht...
Herr G.: Nee ... oh,j ja ... das ... äh ... i ... is alles ... so ... so der Frau ... äh ... sucht ...am ob tu ...sam ... dem ge Mann sucht ... nein, das ist ein Kinder, is .. äh .. Mann, nee?
Therapeut: Ja ... das ist ein Kind. "

Häufig, besonders bei schweren Sprachstörungen, besteht bei Angehörigen die Hoffnung, der Betroffene könne sich wenigstens über das Schreiben verständlich machen. Da aber Schrift- und Lautsprache in hohem Maße voneinander abhängig sind, kann dieses nur sehr eingeschränkt erfolgen.

Broca-Aphasie

Folgende sprachliche Leitsymptome sind für die Broca-Aphasie charakteristisch (nach POECK 1987):

Die Sprachproduktion bei Menschen mit Broca-Aphasie ist erheblich verlangsamt und mit erheblicher Sprechanstrengung und undeutlicher Artikulation verbunden, d.h. der Betroffene hat Schwierigkeiten seine Gedanken in sprachliche Form umzusetzen. Bei der 'klassischen' Broca-Aphasie ist die grammatische Struktur der Sätze ist auf einzelne kommunikativ wichtige Substantive, Verben und Adjektive (Inhaltswörter) reduziert. Man spricht hier von 'Telegrammstil'.
Häufig werden Wörter durch phonematische Paraphasien verändert, wobei einzelne Laute oder Silben ausgelassen, umgestellt oder entstellt werden (z.B. "Meksel" statt "Messer").
Das Sprachverständnis ist nur relativ gering gestört. Allerdings orientieren sich Menschen mit Broca-Aphasie häufig an den bedeutungstragenden Wörtern in einem Satz und bekommen Schwierigkeiten wenn der Sinn einer Äußerung von den Funktionswörtern abhängt. Eine Unterscheidung der Bedeutung folgender Sätze würde Ihnen schwer fallen (aus LUTZ 1992 S. 43): a) Die Mutter hat sich noch nicht gewaschen. b) Die Mutter hat sie noch nicht gewaschen.
Auch die Sprachverarbeitung ist häufig verlangsamt, so daß die Betroffenen beim (Zu)hören große Mühe haben, das Gesagte schnell genug aufzunehmen.


Hier ein Beispiel für ein Gespräch mit einem Menschen mit Broca-Aphasie (aus LUTZ S.43):



Therapeut: Konnten Sie gestern die Sonne genießen?
Frau N.: Ja ... Garten ... Sohn ... Schi ... toch ... äh ... Sohn und ... Schiebetochte ... Faul ... nein ... Faumen fülken ... nein ... Korb Faumen ... Garten ... ich Sonne sitzen, dann ... hause ... Kuchen backen ... Sohn gerne Faulmenchuchen ...

Das Schreiben ist bei Menschen mit Broca-Aphasie in ähnlicher Weise gestört, wie das Sprechen. Es kommt bei Sätzen zu Auslassungen von Wörtern und bei einzelnen Wörtern zu Entstellungen, die z.T. den Fehlern in der Lautsprache entsprechen. Häufig ist die Information, wie ein Wort geschrieben wird einfach nicht mehr ausreichend vorhanden.

Wernicke-Aphasie

Folgende Symptome sind charakteristisch für die Wernicke-Aphasie (nach POECK, 1987):
Die Sprachmelodie der Spontansprache ist bei Menschen mit Wernicke-Aphasie normal, auch die Phrasenlänge und die Sprechgeschwindigkeit entsprechen der Normalsprache. Auffällig ist jedoch, daß die Rede durch viele phonematische Paraphasien ('Wortverdrehungen', z.B. Spille statt Spinne) und semantische Paraphasien ('Wortverwechslungen' z.B. Stuhl statt Tisch) entstellt ist. Es kommt zur Bildung von Neologismen (Wortneuschöpfungen) bis zur völligen Unverständlichkeit der Sprache (phonematischer Jargon). Der Satzbau ist bei der Wernicke-Aphasie stark gestört. Es kommt zu Satzabbrüchen, zu Verschränkungen von Sätzen, zu fehlerhaften Kombinationen und Stellungen von Wörtern und zur Verwendung falscher Endungsformen.

Auch das Sprachverständnis in der Unterhaltung ist erheblich gestört. Dabei merken die Betroffenen auch nicht, daß ihre eigene Sprachproduktion nicht richtig ist und können dann häufig nicht begreifen, warum ihr Gesprächspartner sie nicht versteht. Sie suchen dann die 'Schuld' eher beim Gesprächspartner als bei sich.

Im Gegensatz zu Menschen mit Broca-Aphasie haben Betroffene von Wernicke-Aphasie in der Regel also kein Störungsbewußtsein und keinen verminderten Sprachgebrauch. Man erlebt sie im Gegenteil häufig euphorisch und mit ungehemmten Rededrang (Logorrhoe), d.h. sie können keine kurzen Antworten geben, sondern produzieren einen ganzen Wortschwall.


Ein eindrucksvolles Beispiel für eine Unterhaltung mit einem Menschen mit Wernicke-Aphasie findet sich bei LUTZ 1992:

Th.: Da wo Sie wohnen, haben Sie da auch einen Garten ?
Pat.: Ha ah, das seh ich sofort hier
Th.: Ja, haben Sie da auch einen Garten? Da, wo Sie wohnen ?
Pat.: Ja, gäh äh ka ur ein geomer, ein teomer vin annern te eh
Th.: Ja ...
Pat.: Nech, also, mein schön kerger küksil im Sommer, jetzt um diese Zeit...
Th.: Ja ...
Pat.: Gehabt un so auch heute den bron denn ein ein für äh na et den oder oder für mich denn für - Gott, wie schwer ist das denn !
Th.: Ich kann Sie immer noch nicht gut verstehen, leider ! Ich möchte so gern, aber da kommen immer andere Wörter ...
Pat.: Ich weiß, aber aber ein mies da hab ich denn manches manches manches so gelies gehakkert ja, ach ja, sach ich da stehn für halle sarge was ich wußte ...

Die Schriftsprache ist in gleicher Weise gestört wie die Lautsprache. Es treten häufig Überproduktionen von Buchstaben und Buchstabenkombinationen auf.

Amnestische Aphasie

Die amnestische ist die leichteste Form der Aphasien. Folgende Leitsymptome sind charakteristisch für dieses Störungsbild (nach POECK 1987):

Die Rede wird häufig durch Wortfindungsstörungen unterbrochen, wobei der Sprechfluß und die Prosodie (Tonhöhe, Betonung, Lautdauer) gut erhalten sind. Auch der Satzbau ist weiitgehend intakt. Haben die Betroffenen Wortfindungsstörungen, so kommt es zu Ersatzstrategien um dem Kommunikationspartner die Störung nicht bemerken zu lassen. Ersatzstrategien können sein:
Ersetzen der gesuchten Wörter durch ein Füllwort ("das Dings da")
Nennen von Oberbegriffen (z.B. Buch statt Notizbuch, Tier statt Hund)
Beschreibung von Gebrauch oder Eigenschaft (z.B. Gürtel = "zum die Hose zu halten", Bleistift = "zum Schreiben".
Es treten auch einige phonematische und semantische Paraphasien auf, wobei letztere meist aus dem engeren Bedeutungsumfeld des Zielwortes stammen (z.B. Löffel statt Messer).

Insgesamt wirkt die Rede der Patienten mit amnestischer Aphasie relativ intakt, sie fällt jedoch durch ihren geringen Informationsgehalt auf. Das Sprachverständnis ist meist kaum gestört.


Ein Beispiel für eine amnestische Aphasie aus Lutz 1992. Der Patient soll das Bild eines Besens benennen:

Pat.: "Und jetzt wollen wir für Sauberkeit...äh, sa an der Sauberkeit denken und nehmen uns einen ... einen scho scho einen ... einen ...(11 Sek. Pause) ... was wollen wir wollen zu Hause oder im Geschäft wollen wir saubermachen und benutzen dazu einen Sch... einen ... einen ... (6 Sek. Pause) ... einen ... wischen und nach dem Wischen kommt das auf ... hoch tro ein trocken ein ... ja das ist ein Fehlei"

Typisch ist hier, daß der Betroffene versucht, sich selbst zu 'deblockieren', also versucht durch Hilfen, wie Satzanfänge, irgendwie auf das Wort zu kommen.
Die Schriftsprache ist ähnlich beeinträchtigt,wie das Sprechen. Es kommt also auch hier hauptsächlich zu Schwierigkeiten beim Benennen und somit zu einem geringeren Informationsgehalt des Geschriebenen.

Wichtig!!!

Die beschriebenen Syndrome zeigen Störungskombinationen, wie sie häufig zu beobachten sind. In der Praxis zeigt sich aber, daß viele 'Fälle' in einem oder mehreren Punkten von den typischen Symptomen abweichen. Daher ist immer eine individuelle Diagnoseerstellung und vor allem eine individuelle Therapieplanung nötig.